Joost Jongerden:
Wo ein neues Leben beginnt - Zentraldörfer, Modernität und Identität in der zeitgenössischen Türkei
Eine zunehmende Anzahl sozialwissenschaftlicher Literatur beschäftigt sich mit Fragen der sozialen Rehabilitation, das heißt der Schaffung sozialen Zusammenhalts, beim Nachkriegswiederaufbau. Die Regierung der Türkei zieht die Errichtung von neuen Siedlungen, so genannten »Zentraldörfern«, dem Wiederaufbau der im Krieg gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zerstörten Dörfer vor. Dieser Aufsatz evaluiert die soziale Dimension dieser Zentraldörfer. Zunächst wird ein kurzer Überblick über bestehende Zentraldorfprojekte gegeben, die auf ähnliche Konzepte der 1920er und 1970er Jahre zurückzuführen sind. Es werden Parallelen zur städtischen und ländlichen Siedlungsplanung für Dersim in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts gezogen und es wird argumentiert, dass die Ziele von Siedlungsprojekten wie den »Zentraldörfern« nur vor dem Hintergrund der Charakteristika des Nationsbildungsprozesses in der Türkei verstanden werden können. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass das Türkentum als Basis des sozialen Zusammenhalts von Gesellschaft und Staat betrachtet wurde und wird, die konzertierten Bemühungen der Kemalisten hatten die Schaffung einer ethnisch homogenen Gesellschaft zum Ziel. Die Siedlungsplanung der Regierung war ein Instrument zur Zerstörung existierender sozialer und kultureller Bindungen und zur Assimilierung der Bevölkerung an das Türkentum. Die gegenwärtigen Zentraldorfprojekte erscheinen als Fortführung dieser Politik.
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