Hans-Lukas Kieser:
»Birader Yakup«, ein »Arzt ohne Grenzen« in Urfa, und seine Wahlverwandtschaft mit den Kurden (1899-1922)
Der Schweizer Krankenpfleger und praktische Arzt Jakob Künzler war die tragende Säule eines Missionsspitals im spätosmanischen, multiethnischen Urfa (heutige Südosttürkei). Die "Missionare" jener schweizerisch-deutschen Institution könnte man Vertreter einer humanitären Organisation nennen, da religiöse Konversion nie das Ziel ihrer Arbeit war. Die Kurdinnen und Kurden bildeten die Mehrheit ihrer muslimischen Patienten. Mancherlei Beziehungen mit ihnen wie auch mit Türken, Arabern, Armeniern und Assyrern der Region wurden über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut. Während des Ersten Weltkrieges leistete das Ehepaar Jakob und Elisabeth Künzler-Bender eine mutige und groß angelegte Nothilfe zu Gunsten zahlreicher armenischer Überlebender des Völkermordes und kurdischer Deportierter. Die vom europäischen Spitalteam hinterlassenen Schriften geben einen vielfältigen, bereichernden und oft erschütternden Einblick ins osmanische Provinzleben, wobei man bei Künzlers Texten eine spezielle Empathie für die Kurden verspürt. Diese Hinterlassenschaft erinnert uns, zusammen mit Dokumenten aus weiteren Missionsstationen, an eine fast vergessene, aber tief greifende Begegnung Europas mit der bereits fragil gewordenen interreligiösen Welt Kurdistans, Armeniens und Mesopotamiens, die der Erste Weltkrieg vollends zerstörte.
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